Warum die langweiligen Januar-Ausflüge die besten Erinnerungen werden

7 Min. Lesezeit von Kore Nordmann

Der Weihnachtsbaum ist abgebaut, die Plätzchendosen leer, das Konto überschaubar. Draußen ist es grau, drinnen sind die Kinder unruhig, und du scrollst durch Instagram, wo andere Familien scheinbar gerade perfekte Winterausflüge erleben. Schneebedeckte Berge, strahlende Kindergesichter, der dampfende Kakao fotogen in Szene gesetzt.

Der Weihnachtsbaum ist abgebaut, die Plätzchendosen leer, das Konto überschaubar. Draußen ist es grau, drinnen sind die Kinder unruhig, und du scrollst durch Instagram, wo andere Familien scheinbar gerade perfekte Winterausflüge erleben. Schneebedeckte Berge, strahlende Kindergesichter, der dampfende Kakao fotogen in Szene gesetzt.

"Warum die langweiligen Januar-Ausflüge die besten Erinnerungen werden"

Du schaust aus dem Fenster. Matsch. Nieselregen. Der Wildpark um die Ecke wäre eine Option, aber das ist doch nichts Besonderes. Nicht mal einen Post wert.

Genau hier liegt der Denkfehler.

Was die Forschung über alltägliche Erinnerungen sagt #

Psychologin Ting Zhang von der Harvard Business School hat etwas Überraschendes herausgefunden: Je gewöhnlicher uns ein Erlebnis im Moment erscheint, desto mehr unterschätzen wir seinen späteren Wert. In ihrer Studie bat sie Teilnehmende, alltägliche Gespräche und banale Erlebnisse zu dokumentieren. Monate später lasen sie ihre eigenen Aufzeichnungen wieder.

Das Ergebnis war eindeutig: Die Menschen waren deutlich interessierter an ihren eigenen Notizen, als sie vorhergesagt hatten. Und je alltäglicher das dokumentierte Erlebnis war, desto größer war die Lücke zwischen erwartetem und tatsächlichem Interesse.

Mit anderen Worten: Der matschige Waldspaziergang, den du für unspektakulär hältst, wird in fünf Jahren wahrscheinlich wertvoller für dich sein als das perfekt inszenierte Urlaubsfoto.

Zhang fasst es so zusammen: Was heute gewöhnlich ist, wird in der Zukunft außergewöhnlich.

Das Problem mit dem Highlight-Reel #

Soziale Medien haben uns trainiert, nur die besonderen Momente festzuhalten. Die Geburtstagstorte mit fünf Stockwerken. Den ersten Schnee. Den Ausflug in den teuren Freizeitpark.

Die Kommunikationswissenschaftlerin Bianca Kellner-Zotz beschreibt diesen Mechanismus: Viele Eltern posten, um Bestätigung zu bekommen, die ihnen im Alltag fehlt. Der perfekte Kindergeburtstag auf Instagram soll zeigen, dass man gute Eltern ist. Dass man alles im Griff hat.

Das Problem: Gleichzeitig entsteht ein Wettbewerb, der alle belastet. Der Kuchen der anderen sieht immer kunstvoller aus. Der Ausflug immer abenteuerlicher. Das Kinderzimmer immer aufgeräumter.

Und so entsteht ein Teufelskreis: Du siehst perfekte Familienausflüge, dein eigener Sonntagnachmittag im Stadtwald erscheint dir dagegen armselig, also dokumentierst du ihn nicht. Jahre später fehlen genau diese Erinnerungen. Übrig bleiben nur die Highlights, die irgendwann alle gleich aussehen.

Was wirklich fehlen wird #

Stell dir vor, du schaust in zehn Jahren auf die Fotos von heute zurück. Was wirst du sehen wollen?

Wahrscheinlich nicht das hundertste Geburtstagstorten-Bild. Sondern:

Wie dein Kind konzentriert die Wildschweine beobachtet hat, während dir die Nase vor Kälte lief. Die improvisierten Stullen auf der Parkbank, weil ihr die Kantine verpasst habt. Die schlammverschmierten Gummistiefel im Kofferraum. Das Gekicher auf dem Rückweg, weil jemand in eine Pfütze getreten ist.

Diese Momente erscheinen uns jetzt nicht fotografierenswert. Genau deshalb gehen sie verloren.

Januar-Ausflüge, die sich lohnen #

Der Januar ist kein glamouröser Monat. Das Budget ist strapaziert, das Wetter ungemütlich, die Energie niedrig. Aber genau das macht ihn perfekt für die Art von Ausflügen, die später zu echten Erinnerungen werden.

Wildparks im Winter

Die meisten Wildparks in Deutschland sind auch im Winter geöffnet, viele davon günstig oder sogar kostenlos. Die Tiere zeigen sich im Winterfell, die Gehege sind weniger überlaufen, und ein heißer Kakao am Ende fühlt sich verdient an.

Einige Beispiele: Der Lindenthaler Tierpark in Köln ist kostenlos und ganzjährig geöffnet. Der Wildpark Schwarze Berge bei Hamburg hat auch im Winter Fütterungen. Der Wildpark Poing bei München bietet weitläufige Gehege, in denen sich die Tiere fast wie in freier Wildbahn bewegen. Und selbst der kleine Stadtpark mit den Enten kann für ein Dreijähriges ein Abenteuer sein.

Noch günstiger: Der Wald vor der Haustür

Falls selbst die paar Euro Eintritt gerade nicht drin sind: Ein Waldspaziergang kostet nichts und bietet im Winter seine eigenen Reize. Gefrorene Pfützen zum Drauftreten. Tierspuren im Matsch. Das Knirschen unter den Schuhen, wenn es doch mal gefroren hat.

Pack eine Thermoskanne ein, ein paar Kekse, und ihr habt alles, was ihr braucht.

Die Pfützen-Olympiade

Kinder lieben Wasser. Das gilt auch für Pfützen. Statt gegen den Matsch zu kämpfen, mach ihn zum Programm: Wer findet die tiefste Pfütze? Wer kann am höchsten spritzen? Wer schafft es, die Pfütze komplett auszustampfen?

Das einzige, was du brauchst: wasserdichte Stiefel und die Bereitschaft, danach die Waschmaschine anzuwerfen.

Die Schatzsuche im Kleinformat

Sammelt auf dem Weg fünf verschiedene Blätter, Steine oder Stöcke. Zuhause angekommen, könnt ihr daraus etwas basteln oder einfach auf dem Fensterbrett aufstellen. Klingt banal, aber genau solche Sammlungen werden Jahre später zu Andenken.

Was sich zu dokumentieren lohnt #

Wenn du anfängst, auch die unspektakulären Momente festzuhalten, verändert sich etwas. Du musst nicht mehr warten, bis etwas Besonderes passiert. Das Besondere steckt im Alltäglichen.

Hier ein paar Ideen, was du beim nächsten Ausflug fotografieren könntest, nicht für Instagram, sondern für später:

Die Vorbereitung. Die Schuhe, die angezogen werden. Die Snacks, die eingepackt werden. Das Chaos vor der Haustür.

Die Konzentration. Dein Kind, das etwas beobachtet. Nicht lächelnd in die Kamera, sondern versunken in seinem Moment.

Das Wetter. Ja, auch den Nieselregen. Auch die graue Wolkendecke. In zehn Jahren wirst du dich erinnern wollen, wie es sich angefühlt hat.

Die Unvollkommenheit. Die schiefen Mützen, die laufenden Nasen, die müden Gesichter auf dem Rückweg.

Das Drumherum. Die Thermoskanne, die Bank, auf der ihr gesessen habt, das Auto mit den schlammigen Fußmatten.

Für wen diese Momente noch wertvoll sind #

Wenn Großeltern weit weg wohnen, kennen sie oft nur die Highlights. Den Geburtstag, Weihnachten, vielleicht den Sommerurlaub. Aber was ihnen fehlt, ist der Alltag ihrer Enkelkinder.

Ein kurzes Foto vom grauen Sonntagsspaziergang kann für sie wertvoller sein als das aufwendigste Geburtstagsvideo. Es zeigt ihnen, wie das normale Leben aussieht. Wie die Kinder wirklich sind, wenn gerade kein Fest stattfindet.

Wenn du solche Momente teilen möchtest, aber nicht auf öffentlichen Plattformen, gibt es inzwischen Alternativen. Private Foto-Sharing-Dienste wie Hejme ermöglichen es, Bilder nur mit ausgewählten Menschen zu teilen, ganz ohne Likes, Algorithmen oder den Druck, etwas Vorzeigbares zu produzieren. So können auch die matschigen Gummistiefel zu Oma und Opa geschickt werden, ohne dass du dich fragst, ob das gut genug aussieht.

Für getrennte Eltern gilt Ähnliches: Der Elternteil, bei dem das Kind gerade nicht ist, verpasst genau diese Alltagsmomente. Ein schnelles Foto vom Waldausflug kann mehr bedeuten als lange Erzählungen am Telefon.

Was du diese Woche tun kannst #

Du musst nicht alles ändern. Aber vielleicht probierst du diese Woche eines davon aus:

Mach einen Ausflug, der nicht instagramtauglich ist. Wildpark, Waldspielplatz, Spaziergang mit Pfützen. Dokumentiere ihn trotzdem.

Fotografiere die Zwischenmomente. Nicht nur das Ziel, sondern den Weg dorthin. Nicht nur das Lächeln, sondern auch die Müdigkeit.

Teile etwas Unspektakuläres. Mit jemandem, der sich wirklich dafür interessiert. Keine öffentliche Bühne, sondern privat.

Schau alte Fotos an. Welche berühren dich heute am meisten? Vermutlich nicht die perfekt inszenierten.

Gegen den Strom #

Es gibt inzwischen eine Gegenbewegung zum perfekten Social-Media-Leben. Unter Hashtags wie normalhome zeigen Menschen bewusst ihre durchschnittlichen Wohnungen, ihre alltäglichen Routinen, ihr echtes Leben.

Die amerikanische TikTokerin Stephanie Murphy brachte es auf den Punkt: Normalisieren wir durchschnittlich, denn daran ist nichts auszusetzen. Unser Haus ist bewohnt und voller Liebe und unzähliger Erinnerungen, und am Ende des Tages ist das alles, was zählt.

Das gilt auch für Familienausflüge.

Der matschige Waldweg ist nicht weniger wertvoll als der verschneite Berggipfel. Die Wildschweine im Stadtpark sind für dein Kind genauso aufregend wie die Löwen im Zoo. Die Thermoskanne auf der Parkbank kann genauso gemütlich sein wie das Bergrestaurant mit Panoramablick.

Der Unterschied liegt nur darin, ob du diese Momente als erzählenswert ansiehst. Als erinnerungswert.

Sie sind es.

Fang an, sie festzuhalten. Nicht für die Öffentlichkeit. Für dich, für deine Familie, für später.

Die Harvard-Forschung zeigt: Du wirst es dir danken.